Hexagramm 5 / 64
Das Warten
Wolken ziehen zusammen, bevor der Regen fällt. Das Warten, oft auch als Nahrung übersetzt, beschreibt einen der am meisten missverstandenen Zustände im ganzen System: Warten als eine aktive, disziplinierte Haltung statt als Passivität. Das Ergebnis ist einfach noch nicht bereit, egal wie viel Mühe du hineinsteckst, und die eigentliche Kunst liegt darin, wie du die Lücke zwischen jetzt und dem Eintreffen auf seinem eigenen Zeitplan ausfüllst.
Hier geht es um Timing, nicht um Willenskraft. Es taucht auf bei Stellenangeboten, die noch in der Schwebe sind, bei Entscheidungen, die auf der Uhr eines anderen laufen, überall dort, wo du deinen Teil bereits getan hast und der Rest von Bedingungen abhängt, die auf ihrem eigenen Zeitplan reifen müssen. Der alte Text unterscheidet Qualitäten des Wartens: auf der Wiese, ruhig und in sicherem Abstand; im Sand, näher dran, mit sichtbarem Risiko; im Schlamm, mit echter Gefahr, aber beherrschbar, solange man gefasst bleibt; und noch näher am Ausgang, das Warten inmitten von Blut und Not, wo die einzig wirkliche Handlung darin besteht, standhaft zu bleiben und es vorüberziehen zu lassen. "Warten" bedeutet eben nicht in jedem Fall dasselbe.
Angenommen, du wartest nach einem letzten Vorstellungsgespräch auf Rückmeldung für eine Stelle, die du dir wirklich wünschst. Alle zehn Minuten die E-Mails zu prüfen ist Warten im Schlamm — immer noch Warten, aber unruhig und selbstschädigend auf eine Weise, die am Ergebnis nichts ändert. Der Rat des Wartens ähnelt eher der Wiese: Bereite dich in Ruhe weiter vor, informiere dich weiter über das Unternehmen, erledige andere offene Dinge, vertraue darauf, dass du deinen Teil getan hast, und überlasse den Zeitplan vorerst jemand anderem, ohne das als Aufgeben zu empfinden.
Es steht früh in der Abfolge, direkt nach den Gründungsschwierigkeiten der Hexagramme 3 und 4 — an dem Punkt, wo die Grundlagen gelegt sind und die äußere Zeit erst noch aufholen muss. Der Rat lautet nicht, aufzuhören, sich zu kümmern. Er lautet, ruhig weiter vorzubereiten und sich zu merken, dass Bereitschaft und Eintreffen nicht demselben Zeitplan folgen — und dass das meiste, was am Warten unerträglich scheint, das schlechte Warten ist, nicht das Warten selbst.